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Das Lahr von Leitis Archive
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Erwin Piscator
Erwin Piscator
 
Erwin Piscator wird am 17. Dezember 1893 im hessischen Ulm in der Nähe von Wetzlar geboren. Einer seiner Vorfahren war der Bibelübersetzer Johannes Piscator. Nach der Gymnasialzeit in Marburg verläßt er im Alter von 19 Jahren das elterliche Haus, um sich an der Universität in München zu immatrikulieren. Seine Fächer sind Kunstgeschichte, Philosophie und Germanistik. Einer seiner Lehrer ist Artur Kutscher, der die Theaterwissenschaft als akademisch eigenständige Disziplin mitbegründete. Die ersten praktischen Theatererfahrungen sammelt er als Volontär am Königlichen Hof- und Nationaltheater, einer Bühne, die ästhetisch noch ganz der Tradition des 19. Jahrhunderts verpflichtet war. Hier spielt er neben anderen kleinen Rollen 1914 den Hauptmann Astolf in Kleists Hermannsschlacht.
Der erste Weltkrieg reißt den Studenten Piscator heraus aus seinem Universitäts- und Theateralltag. Die Kriegsjahre werden für ihn zum Schlüsselerlebnis, das seine Entwicklung als Persönlichkeit ganz entscheidend prägen und sein Schaffen als Theaterkünstler für immer verändern wird. „Meine Zeitrechnung beginnt am 4. August 1914. Von da ab stieg das Barometer: 13 Millionen Tote, 11 Millionen Krüppel, 50 Millionen Soldaten, die marschierten, 6 Milliarden Geschosse, 50 Milliarden Kubikmeter Gas. Was ist da ‚persönliche Entwicklung’? Niemand entwickelt sich da ‚persönlich’. Da entwickelt etwas anderes ihn. Vor dem Zwanzigjährigen erhob sich der Krieg. Schicksal. Es machte jeden anderen Lehrmeister überflüssig.“ So beginnt Erwin Piscator sein 1929 erschienenes Buch Das Politische Theater.
Aus dem Krieg zurückgekehrt, bricht Piscator mit den Werten und Ideen der alten Gesellschaftsordnung. Er schließt sich der Berliner DADA Sektion um George Grosz, John Heartfield und Wieland Herzfeld an und wird ein glühender Verfechter der Ideen der großen Revolutionen. Das Theater wird ihm dabei zu einem Instrument der Aufklärung und der Anklage, zu einer politischen Waffe gegen das Establishment. Piscator will die Welt nicht nur „interpretieren“, er will sie mit den ihm eigenen Mitteln, mit seiner Theaterarbeit „verändern“.
Am 3. September 1927 eröffnet mit Piscator mit der Uraufführung von Ernst Tollers Stück Hoppla, wir leben! sein eigenes Haus am Nollendorfplatz. Im Juni des folgenden Jahres war die erste Piscator-Bühne bankrott. Doch in diesen zehn Monaten präsentierte Piscator vier Produktionen, die als Meilensteine in die Theatergeschichte eingingen; die berühmteste von ihnen war die Dramatisierung von Jaroslav Haseks Roman Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk. Auf einem Laufband ließ Piscator Max Pallenberg in der Titelrolle endlos lange über die Bühne wandern, ohne daß er je am Ziel ankam. Das Laufband war nur eine von vielen technischen Neuerungen, mit denen Piscator das Theater revolutionierte. Für sein episches Theater scheute er keinen Aufwand: Dokumentarfilme wurden auf den Bühnenhintergrund projiziert, die Bühne wurde in verschiedene Etagen unterteilt, und als Piscator dies auch nicht mehr reichte, hat er die Segment-Globus-Bühne erfunden, eine drehbare, dreidimensionale Halbkugel, die sich an verschiedenen Stellen aufklappen läßt und so den Blick auf wechselnde Räume und Szenen freigibt.
Immer war er auf der Suche nach Stoffen, die sich für die Bühne eigneten. Als 1925 in den Vereinigten Staaten Theodore Dreisers bahnbrechender Roman Eine amerikanische Tragödie erschien, dauerte es nicht lange, bis Piscator eine dramatisierte Version vorlegte. Ein anderer Amerikaner, dessen Werk Piscator genau verfolgte, war Upton Sinclair. Sinclairs Stück Prinz Hagen hatte Piscator bereits 1920 inszeniert. Später wurde am Piscator-Studio unter der ironischen Schlagzeile Amerika, du hast es besser Sinclairs Singende Galgenvögel gegeben, eine bitterböse Satire auf die gesellschaftlichen und politischen Mißstände in den USA. Als Piscator auf der Flucht vor den Nazis in die USA emigrierte, verbürgte sich der Literaturnobelpreisträger Sinclair Lewis für ihn. Lewis, der in der von Upton Sinclair und Jack London gegründeten sozialistischen Schule seine ersten Sporen verdient hatte, schuf 1922 mit dem Roman Babbitt in der Gestalt des Titelhelden den Prototyp des amerikanischen Durchschnittsbürgers, der mit diesem Namen als Begriff ins Lexikon einging.
Zusammen mit seiner zweiten Frau Maria Ley gelang Erwin Piscator ein Neuanfang in New York: Er gründete 1940 an der New School for Social Research den Dramatic Workshop: eine Schule, die ein Theater und ein Theater, das eine Schule war. Im Laufe der nächsten zehn Jahre gingen daraus einige der bedeutendsten amerikanischen Schauspieler und Dramatiker hervor, u.a. Marlon Brando, Harry Belafonte, Tony Curtis, Walther Matthau, Tony Randall, Shelley Winters, Elaine Stritch, Tennessee Williams und Arthur Miller. Durch seine politischen Inszenierungen war Piscator einer der Katalysatoren für die Entstehung des vom kommerziellen Broadway-Theater unabhängigen Off- und Off-Off-Broadway. Wirklich heimisch wurde Piscator in Amerika nie. In der Hysterie der McCarthy Ära wurde auch Piscator vor den Ausschuß zur Untersuchung antiamerikanischer Umtriebe geladen. Dieser öffentlichen Demütigung wollte er sich nicht aussetzen und reiste kurz entschlossen im Oktober 1951 in die Bundesrepublik Deutschland zurück.
Wieder mußte er neu anfangen. Als Gastregisseur mußte er mühsam seinen Lebensunterhalt verdienen. Der Ruf als Intendant an eines der großen Häuser ließ lange auf sich warten. 1962 wurde er endlich Intendant der Freien Volksbühne Berlin. Mit spektakulären Uraufführungen macht er von sich reden: 1963 Der Stellvertreter von Rolf Hochhuth, 1964 In der Sache J. Robert Oppenheimer von Heinar Kipphardt, 1965 Die Ermittlung von Peter Weiss. Während der Proben zu Aufstand der Offiziere, einem Stück über den Widerstand des 20. Juli von Hans Hellmut Kirst, wird Piscator krank. Wegen Nierenversagen kommt er ins Krankenhaus. Nach der Uraufführung am 2. März fährt er zur Erholung in ein Sanatorium nach Starnberg.
Am 30. März 1966 starb Piscator in Starnberg und wurde am 6. April auf dem Waldfriedhof in Berlin-Zehlendorf beigesetzt.
Bertolt Brecht sagte einmal von ihm: „Piscator ist der größte Theatermann aller Zeiten. Er wird ein Erbe hinterlassen, das wir nutzen sollten.“

 

Weitere Quellen:
Piscator probt Salome in Florenz 1964, Foto: Raffaello Bencini
Foto: Maria Ley Piscator vor dem Piscator House
 

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